Warum Eltern ihren Kindern am ersten Schultag eine Schultüte geben

Der Grundschulanfang ist in Deutschland eine große Sache. Es ist ein Initiationsritus – fast wie eine Abschlussfeier oder eine Hochzeit. Eltern investieren viel, um ihr Kind mit Geschenken zu überschütten. Aber was ist mit dem obligatorischen Schultüte?

Der erste Tag der ersten Klasse ist ein Wendepunkt im Leben jedes deutschen Kindes – und jeder Familie und das schon seit mehr als 100 Jahren. Die Grundschulen beginnen hier mit der ersten Klasse und das ist Grund genug, um richtig zu feiern.

Die ersten schriftlichen Erwähnungen stammen aus dem späten 18. Jahrhundert. Damals gab es noch keine vorgefertigten Tüten. Stattdessen benutzten die Leute die Tüten, die in den Geschäften benutzt wurden, um Süßigkeiten einzuwickeln. Den Brauch des Schultüten basteln für Mädchen und Jungen gibt es seit dem 19. Jahrhundert.

Die ersten Aufzeichnungen, über die Verwendung der Schultüte stammen aus dem heutigen Mitteldeutschland in den Regionen Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Das sind die ersten Bundesländer, in denen sich die Tradition des Schultütebastelns ausgebreitet hat. Das sind auch die Regionen, in denen sich um die Schultüte herum sehr aufwendige Traditionen entwickelt haben.

Tradition oder cleveres Marketing?

Die Tüte selbst ist keine Tradition, sie ist ein Element, das in einer Tradition verwendet wird, und sie ist eng gesehen auch nur eine Verpackung. Manchmal wird sie auch jungen Erwachsenen, die eine Berufsschule beginnen, Geschenk. Das zeigt, dass es als Symbol für einen Neuanfang gesehen wird – egal ob bei Jung oder Alt.

Damals waren es meist die gleichen Dinge wie heute in die die Tüte gepackt werden. Damals gab es „Zuckerzeug“  oder im Grunde genommen Süßigkeiten. Heute bekommen Kinder ebenfalls Süßigkeiten, aber auch Spielzeug und Schulsachen.

In den Hauptregionen, in denen der Brauch praktiziert wird, versuchte man, diesen aufrecht zu erhalten, weil man viel Wert auf die Tradition legt. Natürlich war es während der Weltkriege problematisch, genügend Dinge zu finden, um sie in die Tüten zu stecken – besonders für die ärmeren Teile der Bevölkerung. Aber die Leute waren erfinderisch.

Die Schultüte selbst ist eigentlich nur ein Behälter, was bedeutet, dass man nicht in ihn hineinschauen kann. Sie wird auch nicht in der Schule geöffnet, sondern erst zu Hause. Das heißt, wenn ich finanziell nicht in der Lage bin, die Tüte mit genügend Geschenken und Süßigkeiten zu füllen, kann ich ihn mit Füllmaterial füllen. Also haben die Leute Kartoffeln oder Papier hineingelegt.

Die Füllung

Wie bei vielen Dingen, wird auch hier oft übertrieben. Die Leute geben unglaublich viel Geld für die Füllung der Tüte aus. Allein für die Tüte selbst werden zwischen 3 und 40 Euro ausgegeben. Umfragen zufolge haben drei Viertel der Befragten, die Schultüte für die Kinder selber gebastelt. Doch auch wenn hier gesparrt werden kann, muss die Tüte ja auch gefüllt werden.

Die Befragten gaben zwischen 5 und 100 Euro für die Füllung aus. Das ist viel Geld, aber es ist nur die Spitze des Eisbergs.

In dem Gebiet, in dem die Schultüten besonders beliebt sind, geben die Menschen nicht nur neuen Erstklässlern einen, sondern mehrere Tüten.

Das ist jedoch noch nicht genug, oft wird in der örtlichen Bäckerei ein Kuchen mit dem Namen des Kindes. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel ist das sehr verbreitet. Seit dem 19. Jahrhundert wird tagelang gebacken, geplant und organisiert, um mit Verwandten und Nachbarn zu feiern.